Geldentscheidungen mitten in einer Krise

Warum sind Geldentscheidungen schwierig? Finanzielle Bildung ist sehr gering ausgeprägt. Wir lernen weder in der Schule noch in der Hochschule über persönliche Finanzen. Der Teil, der uns über Volkswirtschaft oder auch Betriebswirtschaft vermittelt wird, ist nicht sehr erhellend. Uns werden Formeln und Gleichungen vermittelt, denen der Bezug zur Wirklichkeit fehlt.

Wenn wir dagegen darüber nachdenken, wie wir uns im Umgang mit Geld fühlen, tauchen Begriffe wie Angst, Gier, Neid und Hoffnung auf. Tatsächlich ist es erstaunlich, wie wenig wir über persönliche Finanzen reden, insbesondere mit unserem Partner, unseren Kindern oder auch den Menschen aus unserer Peergroup. Die Gespräche mit unserem Finanzberater fühlen sich ggf. komisch an und nicht wie ein Dialog auf Augenhöhe.

Verhaltensforschung ist ein wichtiges Feld innerhalb der Finanzanlage. Folgendes Zitat, welches das Feld der Verhaltensforschung in Verbindung mit Finanzen auf den Punkt bringt, stammt von Richard Thaler, Verhaltens-Ökonom und Nobelpreisträger: „Menschen sind nicht blöd. Die Welt ist schwierig.“

Schauen wir uns einige „einfache“ Regeln an, die alles andere als leicht zu befolgen sind:

  • „Buy low, sell high“ (Kaufe günstig, verkaufe teuer).
  • Besitze ein diversifiziertes Portfolio.
  • Spare mehr. Gib weniger aus. Investiere langfristig.
  • Triff informierte Entscheidungen.
  • Widerstehe dem Drang, etwas tun zu müssen.

Das Problem bei diesen Regeln ist, dass wir aufgrund unserer evolutionären Programmierung das Gegenteil tun. Wir sind begeistert, wenn die Märkte sich nach oben bewegen und wollen mehr kaufen oder wünschten uns, stärker investiert zu sein. Wenn die Märkte abtauchen, reagieren wir verängstigt und müssen dem Drang widerstehen zu verkaufen. Wir schätzen keine echte Diversifikation, weil das bedeutet, dass sich Teile unseres Portfolios für einen Zeitraum unterdurchschnittlich entwickeln. Dann fühlen wir uns verpflichtet, uns für Underperformer zu rechtfertigen und bedauern zu wenig von den Outperformern oder Senkrechtstartern zu besitzen.

Wenn Volatilität auftritt, wird unser Fokus eher auf die Gegenwart und weniger auf die Zukunft gelenkt. Wenn es zu einem dramatischen Ereignis kommt, wie z.B. einem Autounfall oder auch zu einem Markt Crash, der uns im Vergleich etwas weniger direkt berührt, wird unser Blickfeld komprimiert. In einem Notfall bricht die Möglichkeit, sich auf die fernere Zukunft zu konzentrieren buchstäblich zusammen. Das ist etwas, was wir physisch nicht verhindern können, und sofern es Geldentscheidungen betrifft, ist das eine Zeit, in der Finanzpläne, in denen wir unsere Langfristziele und Aussichten notiert haben, sehr wertvoll sind.

Historisch betrachtet, und es ist wertvoll, sich dies in ruhiger Minute in Erinnerung zu rufen, sind Phasen erhöhter Volatilität hervorragende Einstiegsgelegenheiten gewesen und jeweils der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um auszusteigen. Wenn wir an den 1. Golfkrieg, den 11. September 2001, den Krieg gegen den Terror, die große Finanzkrise 2008, die Euroschuldenkrise 2011, den Marktcrash Ende 2018 oder die jüngsten Markteinbrüche im März 2020 denken – Wie reagiert unser Bauch auf entsprechende Marktkorrekturen?

Bei einem Rückgang der Märkte um bis zu 5% ist für die meisten alles ok. Es gefällt uns nicht, aber uns ist bewusst, dass dies der Preis ist, den wir für unsere Renditeerwartungen zu zahlen haben. Zwischen 5% und 10% fängt unsere Stimmung bereits an zu kippen. „Irgendetwas stimmt hier nicht.“ Eventuell sehen wir uns veranlasst, unser Portfolio zu überprüfen. Wir werden nervös, aber unternehmen meist noch nichts. Zwischen 10% und 15% sehen wir uns veranlasst, „etwas zu tun“, insbesondere Teile unseres Portfolios auszusortieren, die nicht funktionieren. Zwischen 15% und 20% schließlich kommen Überlegungen auf, das Portfolio als Ganzes zu verkaufen. Die Handelsaktivität steigt in der Regel. Bei Kursverlusten von 20% und mehr, insbesondere oberhalb von 30%, geraten viele in den Panik-Modus. Der Schmerz wird unerträglich. Warum ist das so? Unsere Gehirne sind programmiert, Gefahren zu erkennen.

An dieser Stelle möchte ich kurz inne halten und etwas über den Zusammenhang von Risiko und Belohnung schreiben. Es besteht die allgemeine Annahme, dass eine risikoreiche Anlage auch lohnend sein müsse. Die Umkehrung dieser Annahme ist korrekt. Ohne die Bereitschaft zu Verlustrisiken ist keine Rendite möglich. In der absolut „sicheren“ Anlage ist Kapital Inflationsrisiken und Kaufkraftverlust ausgesetzt. Mit erhöhtem Risiko erhöht sich nicht zwingend die zu erwartende Rendite, sondern erweitert sich das Spektrum möglicher Ausgänge, was eine hohe Schwankungsbreite in den Resultaten, aber eben auch einen Totalverlust bedeuten kann.

Nur Anlagen, die auf der Linie effizienter, diversifizierter Portfolios liegen, erwirtschaften langfristig eine ihrem Risiko entsprechende Rendite.

Daher will ich hier auch noch ein Wort über „Stockpicking“ verlieren. Siehe auch den Artikel: Markttiming und Stockpicking funktionieren zuverlässig nur im Rückspiegel – Finanzplanung360 hierzu.

Es ist möglicherweise schwer, andere zu beobachten, deren Einzeltitel sich gefühlt jede Woche verdoppeln. Die Frage, die man sich als Investor stellen sollte, ist: Sind solche „Hot Stocks“ die geeigneten Instrumente für meine persönliche Situation und meine Lebensphase? Aus meiner Sicht sollten derartige Titel nicht die Basis der Vermögensanlage sein.

Betrachten wir einmal die Schwankungsbreite von breit diversifizierten Modellportfolios über den Zeitraum der letzten 10 Jahre und mögliche Wertentwicklungen innerhalb eines Monats: Ein Portfolio, bestehend aus 80% Aktien und 20% Anleihen, zeigte eine Wertentwicklung zwischen -27% und +18% – eine Schwankungsbreite von 45%. Ein Portfolio aus 50% Aktien und 50 % Anleihen wies eine Wertentwicklung zwischen -17% und +11% auf, eine Spanne  von 28%. Ein Portfolio aus 20% Aktien und 80% Anleihen erwirtschaftete eine Wertentwicklung zwischen -8% und +7%, eine Range von 15%. Nochmals, wir sprechen von einem Monat. Wie geht man mit einer Aktienquote von 100% um, wenn man einen Einbruch von mehr als 45% innerhalb eines Monats zu verbuchen hat? Diese Zahlen sollen veranschaulichen, wie wichtig es als Finanzberater ist, die Erwartungen der eigenen Kunden im Blick zu behalten. Sie sollen aber auch zeigen, dass diese Schwankungen für die meisten Anlegertypen ausreichend sind, und nicht durch geringe Diversifikation / Stockpicking noch weiter erhöht werden müssen, vor allem wenn man das eigene Nervenkostüm schonen will.

In diesem Zusammenhang sei auf eine Studie hingewiesen, bei der Investoren befragt wurden, welche Rendite sie von ihren Portfolios erwarten. Es wurde ein breites Spektrum an Investoren befragt – von sehr vermögenden Kunden bis zu Privatkunden. Investoren erwarten im Durchschnitt eine 11,7%ige nominale Wertsteigerung pro Jahr. Was erwarten Finanzberater liefern zu können? Schauen wir auf die tatsächlichen Daten von Portfoliorenditen und Inflation. Wir legen hier einen Markt zugrunde, der historisch eher positiv zu beurteilen ist, was uns die Ableitung der Daten erleichtert. Von 1975 bis heute lieferte der Aktienindex S&P 500 einen durchschnittlichen jährlichen Ertrag von 9,4% bei einem durchschnittlichen Anstieg des Verbraucherpreisindexes von 3,75%. Das ergibt eine Rendite von 5,65% nach Abzug der Inflation. Diese Rendite war natürlich nur zu erzielen, wenn man konstant und über die gesamte Zeit in den Markt investiert war. Eine weitere Datenreihe beschreibt die historischen Erträge von 1928 bis 2017. Über 10-Jahres-Zeiträume ergab sich eine zu erwartende nominale Marktrendite von ca. 10%. Das befindet sich in der Größenordnung, die Kunden erwarten. Der Durchschnittswert ist dabei aber irreführend. Selbst eine durchschnittliche Rendite von 10% über rollierende Zehnjahreszeiträume kann eine mögliche Verteilung von +15% oder -5% Rendite pro Jahr über einen Zeitraum von 10 Jahren bedeuten.

Die Renditeerwartungen der Zukunft müssen aufgrund der Bewertungen am Aktienmarkt und auch des allgemeinen Zinsniveaus möglicherweise nach unten angepasst werden. Letzteres bedeutet, dass zukünftig auch Ergebnisbeiträge von Anleihen in Portfolios geringer ausfallen. Das Glas ist aber nur halb leer – es wird zusätzliches Geld in Aktienmärkte, Unternehmensbeteiligungen und Vermögenswerte im Allgemeinen fließen. Denn die Alternative, Cash über Jahrzehnte zu halten, bedeutet  schleichende Entwertung und Kaufkraftverlust – und das wird immer mehr Menschen bewusst.