Eine Debatte zu Bitcoin: Zwei Plädoyers

Anmerkung

Die nachfolgenden Plädoyers Pro und Kontra Bitcoin sollen dem Leser helfen, sich ein eigenes Bild zum Thema Bitcoin zu machen. Die Blockchain-Technologie ist ohne Zweifel spannend und bietet viele neue unternehmerische Möglichkeiten. Zwei Relativierungen möchte ich aber vorwegnehmen. Erstens: Wenn klassische Bewertungsmaßstäbe nicht mehr greifen, wird oft leichtfertig gesagt, dass diesmal alles anders sei. Das ist natürlich möglich– wahrscheinlicher ist jedoch, dass Verhaltensmuster wie Gier und Angst immer wieder zum Tragen kommen. Zweitens: Eine zu starke Portfoliokonzentration, genauso wie ein zu hoher Hebel, können selbst die besten Anlageideen in der Umsetzung scheitern lassen. Diversifikation ist auch beim Thema Kryptowährungen ein guter Ratgeber, und die Annahme, dass alles eine Blase sei, außer Kryptowährungen, ist mit großer Vorsicht zu genießen. Denn wenn ich mich nur mit wenigen Quellen zu einem Thema und bestätigendem Gedankengut beschäftige (z.B. Bitcoin als ultimativer Anlagealternative, die alle Krisen überstehen wird) blende ich alternative Meinungen oder Denkansätze aus. Die immer noch kurze Historie von digitalen Währungen als Grundlage zu nehmen, zu einer sehr hohen Gewichtung in dieser „Anlageklasse“ im Portfolio zu raten, oder sogar alle anderen Anlageklassen auszuklammern, ist aus meiner Sicht somit nicht nur unseriös, sondern auch gefährlich. Viel Spaß beim Lesen!

 

Plädoyer 1

An die Generationen der Zukunft: Es ist an der Zeit, in Bitcoin zu sparen!

Leute fragen mich oft, warum sie in Bitcoin investieren sollten. Meine Antwort ist, dass sie eher in Bitcoin Geld ansparen anstatt investieren sollen.

Bitcoin erzielt, vergleichbar mit Gold, keine laufenden Erträge und funktioniert daher anders als beispielsweise Aktien oder Anleihen. Bei den traditionellen Anlagen ist die Absicht in der Regel,  laufende Kapitalströme über Zeit zu sammeln und/oder die Anlage zu einem höheren Preis in der Zukunft wieder zu veräußern. Das Ziel für viele Besitzer von Bitcoin, die bereits länger daran arbeiten, ihren Bestand in der digitalen Währung zu vergrößern, ist es aber nicht, „Kasse zu machen“. Sie glauben daran, dass Bitcoin ein globales monetäres Netzwerk wird, das Privatpersonen, Firmen und Institutionen rund um die Welt nutzen wollen, um Güter Dienstleistungen und andere Werte in einem parallelen Finanzsystem zu tauschen. Um Bitcoin zu verstehen, bedarf es also eines Kontextes.

Viele stellen sich die Frage, ob Bitcoin Geld, eine Währung, einen Rohstoff oder Eigentum darstellt. Um genau zu sein, handelt es sich bei Bitcoin und anderen Kryptowährungen um noch unbekannte finanzielle Formen, die über traditionelle Klassifizierungen hinausgehen. Die heutige Finanzwelt kennt fast ausschließlich staatlich geführte Geldmonopole. Eine Schwachstelle der Geldpolitik dieser Monopole ist die wachsende Ungleichheit zwischen arm und reich. Deshalb geht es in meinem Statement um die Vision, warum jede einzelne Person, die sich zum Mittelstand zählt, erwägen sollte in Bitcoin anzusparen, anstatt im etablierten Finanzsystem.

In der Öffentlichkeit wird kaum wahrgenommen oder thematisiert, dass die Notmaßnahmen, die seit der Finanzkrise 2008 installiert wurden, größtenteils immer noch vorhanden sind. Zentralbanken weltweit haben die größten Geldexperimente aller Zeiten durchgeführt, um ihre Finanzsysteme am Leben zu halten. Für alle Halter von Sparkonten oder Tagesgeldkonten bedeutete dies aufgrund der nicht mehr vorhandenen Zinsen, die mangelnde Möglichkeit, Kaufkraft für die Zukunft zu konservieren.

Die Zentralbanken setzen durch ihre Geldpolitik Ersparnisse der Inflation aus, um Menschen in riskante Anlagen wie Aktien zu treiben und um das Finanzsystem und Marktindizes zu stützen. Die Tendenz zum Schuldenmachen wird angeregt und es wird belohnt, wer mehr Geld ausgibt und weniger spart. Die Inflation sichert Sparern über längere Zeiträume einen Kaufkraftverlust. Das ist aber das Gegenteil von dem, was man beabsichtigt, wenn man für die Zukunft zurücklegen möchte. Hierbei handelt es sich um eine Zentralbankpolitik in der gesamten entwickelten Welt, um Ziele zu erreichen, die vor allem der Finanzelite und nicht(!) der breiten Bevölkerung dienen. In Folge dieser Geldpolitik versuchen Anleger bereits seit Jahrzehnten, der Inflationierung von Kapital  zu entkommen und ziehen dabei riskante Alternativen in Betracht, um höheren Renditen nachzujagen. Dies hat dazu geführt, dass traditionelle Anlagen wie Staatsanleihen, aber auch Immobilien, historische Bewertungen erreicht haben, die es Einsteigern erschweren, reale Renditen auf ihr hart verdientes Erspartes zu erreichen. Die meisten Investments bieten ein extrem limitiertes Aufwärtspotential und starkes Abwärtspotential. Die Märkte sind nahezu abhängig von billiger Notenbankliquidität und seit Corona auch von staatlichen Hilfsprogrammen. Auf globaler Ebene hat sich die Hörigkeit gegenüber zentralen Institutionen seit der Finanzkrise 2008/2009 verstärkt; die Staatsschulden und die Verschuldung von den Unternehmen und privaten Haushalten hat sich erhöht. Hinzu kommt, dass sich die geopolitische Situation nicht entspannt, sondern zum Teil einem Pulverfass gleicht. Die internationalen Kapitalmärkte aber benötigen Stabilität und Planbarkeit. In ein wackeliges Finanzsystem mit niedrigeren potentiellen Erträgen und hohen Bewertungen in einem zerbrechlichen geopolitischen Umfeld zu investieren, stellt kein aussichtsreiches Risiko-Ertrags-Verhältnis dar.

Bitcoin bietet Zugang und Partizipation an einer exponentiellen Technologie. Eine der hilfreichsten Analogien, um sich den potentiellen Wert von Bitcoin und anderen Kryptowährungen zu erschließen, ist die Betrachtung von digitalen Währungen als soziale Netzwerke oder Kommunikations-Netzwerke. Nach dem Metcalfeschen Gesetz steigen die Kosten eines Netzwerkes bei steigender Teilnehmeranzahl  proportional, der Nutzen steigt aber exponentiell, nämlich proportional zur Anzahl der möglichen Verbindungen, vergleichbar mit dem Internet. Die Entwicklung einer dezentralen, digitalen Währung sowie die Kombination mit der Verschlüsselung auf der Blockchain bedeutet eine Zeitenwende, vergleichbar mit der Kambrischen Explosion vor etwa 500 Millionen Jahren, bei der fast gleichzeitig viele Vertreter der heutigen Tierstämme auftraten… In einer hyper-verbundenen Welt spielen dezentral strukturierte Netzwerke, deren Preisentwicklungen den menschlichen Verstand überfordern können, eine bahnbrechende Rolle. Das Endergebnis ist: Bitcoin ist eine Technologie, die funktioniert.

Ein gewisser Portfolio-Anteil an Kryptowährungen bietet ein deutlich besseres Risiko-Rendite-Verhältnis als traditionelle Anlagen. Bitcoin ist eine begrenzt verfügbare digitale Werteinheit, die global über ein unzensiertes und dezentrales Kommunikationsnetzwerk verschlüsselt versendet werden kann. Von allen 180 Papiergeldwährungen ist keine einzige bislang digital. Die Zahlungsverkehrsnetzwerke, über die sie versendet werden sind extrem zensiert. Darüber hinaus sind diese Währungen geographisch beschränkt und es ist unmöglich, eine Prognose zu einer möglichen Angebotserweiterung in einer relevanten unbestimmten Zeitspanne machen. Papiergeldwährungen haben quasi keine Produktionskosten. Ihr Angebot ist theoretisch unendlich. Das Angebot von Bitcoin richtet sich nach den Codes, nach denen es geschrieben ist und besagt, dass Produzenten eine Leistung erbringen und Ressourcen investieren müssen, um weiteres Angebot zu generieren.

Es gibt Menschen, die einer national emittierten Währung den Vorzug geben würden, aber ich setze auf Kryptowährungen. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich viele dieser demokratischen Form, Netzwerken beizutreten, bedienen werden– vergleichbar mit den Menschen, die das Internet entwickelten und zu dessen Verbreitung beigetragen haben. Wenn jemand auf der Welt ein Smartphone besitzt und über eine Internetverbindung verfügt, ist er oder sie ein:e potentielle:r Nutzer:in von Kryptowährungen. Einige Milliarden Menschen werden künftig in dieses Profil passen und die Zahl wächst jeden Tag.

Was bringt dir Dein Bitcoin-Investment? Die Lernerfahrung, die damit verbunden ist, wird Dein Bewusstsein erweitern. Die wichtigste Begründung, warum Du in Bitcoin investieren solltest, oder es zumindest in Erwägung ziehen solltest, ist, dass Dein Bitcoin-Investment Dich zwingt, Begriffe wie Vertrauen, Wahrheit, Geld und Macht zu hinterfragen. Genauso ermöglicht es Dir, in Themen wie Informatik, Wirtschaft, Finanzen und Geschichte tiefer einzutauchen. Kaufkraft in Bitcoin zu wandeln, erfordert eine Reflektion von Gedanken und Konzepten, von denen Du vorher vielleicht noch nie etwas gehört hast. Das Unbehagen, dem Du Dich freiwillig aussetzt, und welches diese Technologie und das kleine Chaos in Deinen Gedanken anrichten können, wird Deinen Verstand bewusster für die eigenen Begrenzungen machen.

Um es kurz zu machen, wenn Du Interesse daran hast, Deine Kaufkraft zu bewahren, dann ist der einzige Investmentvorteil, den du gegenüber Deinen Eltern oder Großeltern noch hast, die begrenzte und wertvollste Ressource, die Dir überhaupt zur Verfügung steht: Zeit. Sei geduldig. Investiere nicht mit dem Blick auf „Kasse machen“. Spare in Bitcoin, um das überteuerte, veraltete, manipulierbare und zum Scheitern verurteilte Papiergeld-Finanzsystem zu überspringen. Das wertvollste soziale Netzwerk aller Zeiten entsteht vor Deinen Augen – sein Name ist Bitcoin.

Die gegenwärtige Finanzsituation ist erst der Anfang und möglicherweise werden Ingenieur:innen, Nutzer:innen, Investor:innen und Gründer:innen dieses System so allgegenwärtig machen, dass Du niemals aus Deinem Investment auszusteigen brauchst. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieses System, alle anderen dominieren wird. Und die Zeit ist (noch) auf Deiner Seite. Nutze Deinen Vorteil. Spare in Bitcoin.

Anmerkung

Die zum Teil emotionale Argumentation dient ausschließlich der Veranschaulichung. Ergänzend möchte ich hinzufügen, dass es sehr rationale Persönlichkeiten und Unterstützer der Blockchain-Technologie wie z.B. Andreas M. Antonopoulos gibt, die das obige Plädoyer inhaltlich unterstützen. Antonopoulos sagt, Bitcoin sei die ideale Währung für die restlichen 6,5 Mrd. Menschen. Er meint damit jene Menschen, die viele Privilegien westlicher Industrienationen nicht besitzen und damit keinen Zugang zu Bankkonten, einer stabilen Währung und der Möglichkeit, Ersparnisse oder gar eine Altersvorsorge zu bilden. Die nationalen Währungen in diesen Ländern sind oft durch eine hohe Inflation geprägt und die wirtschaftlichen Systeme korrupt. Technologie verbreitet sich, z.B. in Form von Telekommunikation, Zugang zum Internet oder Smartphones, schneller als beispielsweise der Zugang zu einer gesicherten Infrastruktur für Finanzen. Das ergibt einen zukünftig noch viel größeren Kreis an Menschen als potentielle Benutzer einer Währung wie Bitcoin oder der Blockchain-Technologie. Auch das zunehmende Interesse institutioneller Investoren sorgt für wachsende Nachfrage und hat für einen weiteren Preisanstieg gesorgt.

 
 

Häufiger Kritikpunkt: Widerspricht Bitcoin dem Nachhaltigkeitsgedanken?

Nun möchte ich noch auf einen Punkt eingehen, der oft als Kritikpunkt von Bitcoin angeführt wird, sich jedoch als sehr positiv für seine nachhaltige Etablierung erweisen könnte. Und zwar ist das der Aspekt des Energieaufwandes. Der Bitcoin-Anteil des weltweiten Energieaufkommens beträgt zurzeit ca. 0,5%. Eine Kritik besteht oft darin, dass Energie als Ressource knapp ist und nicht für ein digitales Geld ver(sch)wendet werden sollte. Dies wäre, solange fossile Energien verwendet werden, schlecht für die Umwelt und für die Aussicht, unseren Planeten bewohnbar zu erhalten.

Hier kann man das Argument gelten lassen, dass zwischen Energieverbrauch und Energieerzeugung unterschieden werden sollte. Denn ansonsten müsste der gleiche Maßstab auch für elektrische Autos gelten. Die Frage ist: Welche Technologie wird durch Elektroautos ersetzt? Die Technologie von Verbrennungsmotoren setzt mehr Emissionen frei als ein Elektroauto und basiert auf einer Energiequelle, deren Förderung ebenfalls zu großen Umweltschäden beiträgt. Man kann das Elektroauto aber nicht dafür verurteilen, dass der Strom teilweise mit Kohle produziert wird. Es ist die Aufgabe der staatlichen Institutionen, eine Regulierung herbeizuführen, die die umweltschädliche Produktion von Energie sanktioniert und eine umweltfreundliche Produktion von Energie fördert. Und wenn der aktuelle Energiebedarf nicht durch „saubere“ Technologien gedeckt werden kann, ist Innovation erforderlich, um dies zu verändern. Elektrofahrzeuge bieten die Möglichkeit, Strom dezentral dort zu erzeugen, wo er benötigt wird. Die billigste Form von Energie ist verschwendete Energie, die dort zur Verfügung steht, wo sie nicht monetarisiert werden kann (zum Beispiel, weil an dem Ort kein entsprechender Energiebedarf vorhanden ist). Ein bekanntes Beispiel ist: Bei der Förderung von Öl oder Gas wird Methan freigesetzt. Methan ist ein schädliches Treibhausgas. Damit es nicht in die Atmosphäre gelangt, wird es verbrannt. Stattdessen könnte dies z.B. in einem nahe gelegenen Kraftwerk eingesetzt werden, um Strom zu erzeugen. Bitcoin könnte somit an Orten produziert werden, wo Energie günstig und klimaneutral erzeugt werden kann. Generell wird Bitcoin wie auch der sonstige Energiebedarf vor der Herausforderung stehen, künftig aus nicht fossilen Quellen gedeckt zu werden. Auch wenn es heutzutage für manche schwer vorstellbar ist, werden Fortschritt und Innovation schlussendlich diese Entwicklung anstreben, weil sie eine Voraussetzung für ein nachhaltiges Leben hier auf der Erde darstellt.

Das Argument gegen Bitcoin kann man noch weiterführen: Geld ist Energie. Wie sauber kann Geld produziert werden? Wie „dreckig“ oder umweltschädlich ist unser Geld(-system)?  Wenn wir uns die Stabilität des US-Dollars anschauen, könnte man kritisieren, dass sie zum Teil auf der militärischen Kontrolle über die wichtigsten Energiereserven des Nahen Ostens beruht. Das US-Verteidigungsministerium gehört zu den größten Umweltverschmutzern und Energieverschwendern des Planeten. Hinzu kommen Nebeneffekte(!) wie Krieg und die Vermehrung von Leid. Wenn ich den Bitcoin mit dem US-Dollar vergleiche, führt mich das zu folgender Frage: Ist der Bitcoin möglicherweise eine friedliche Alternative zu dem US-Dollar-System, welches ökologische Aspekte nur sehr untergeordnet berücksichtigt?

Wir leben in einer Gesellschaftsform, die auf der Begrenztheit von Ressourcen beruht. Bezogen auf den Globus ist Energie eine der wertvollsten Ressourcen. Wenn Geld(-wert) und Energie direkt mathematisch verbunden sind -welches eine Idee hinter Bitcoin ist- könnten Mittelspersonen ausgeschaltet werden, die wesentlich zur Umweltverschmutzung, zum Klimawandel, zur Korruption und internationalen Konflikten beitragen. Wenn dadurch ein besseres, grüneres Geld geschaffen wird, kann dies vielleicht auch als Gegenentwurf zum derzeitigen zentralisierten Geldsystem verstanden werden.

 

Kommen wir zu einem weiteren Aspekt. Nach der Markteffizienzhypothese spiegeln Preise an effizienten Märkten alle verfügbaren Informationen wieder. Wenn man dieser Hypothese folgt, dürften alle vorhandenen Informationen im Preis des Bitcoins berücksichtigt sein, und damit auch teilweise die hohe Bewertung erklären. Es  ist möglich, dass der Preis des Bitcoin weiter steigt und alle Anlagealternativen in den Schatten stellt. Warum die Angst, eine solche Investmentchance zu verpassen, für mich trotzdem kein Grund sein muss, persönlich in Bitcoin zu investieren, liest Du im Plädoyer 2:
 

Plädoyer 2

Baue Deine Anlagestrategie nicht (allein) auf Bitcoin auf!

Die Argumente für ein Bitcoin-Investment lassen sich also wie folgt zusammenfassen:

  1. Papiergeld ist aufgrund seiner Eigenschaften und der Einflussmöglichkeiten der Zentralbanken dem stetigen Kaufkraftverlust ausgesetzt, somit „schlecht“.
  2. Aktien, Anleihen und Immobilien sind allesamt maßlos überbewertet.
  3. Kryptowährungen sind eine neue und befähigende Art der Anlage, die Punkt 1 und 2 ausgleichen können.

Ich verstehe. Viele schauen skeptisch auf die politischen und wirtschaftlichen Systeme, sind frustriert angesichts von Machtgefüge und Preisentwicklungen. Dennoch gibt es auch hier nichts umsonst. Ich werde einmal versuchen, meine Sichtweise darzulegen. 

Unsere Ersparnisse sind der Restwert unseres nicht konsumierten Einkommens oder uns zugefallener Vermögenswerte. Neben dem persönlichen Bedarf und Reserven für ungewisse Zeiten denken wir  möglichst auch über langfristige Vorsorge und zukünftige Einkommensströme nach, um z.B. unseren Ruhestand abzusichern. Die meisten dieser Ersparnisse sollten daher möglichst wertstabil sein, da das Leben unvorhersehbar ist. Wahrscheinlich möchtest Du nicht, dass Deine Ersparnisse so volatil sind, dass nicht voraussehbar ist, wovon Du später Deine Kosten bestreiten kannst. Gleichzeitig ist es ratsam, gewisse Risiken in Kauf zu nehmen, wenn Du die Inflationsrate nicht permanent und ungebremst gegen Dich arbeiten lassen möchtest. Es besteht hier ein Spannungsverhältnis zwischen dem sicheren Erhalt Deines Geldes in Nominalwerten und dem Erhalt der Kaufkraft.

Grundsätzlich kann man sagen, dass Aktien in einem breit gestreuten Portfolio gut vor dem Risiko des Kaufkraftverlustes schützen, aber während dieses Anlageprozesses der Kurswert signifikanten Schwankungen ausgesetzt ist. Kontoguthaben haben ein geringes Risiko eines plötzlichen Wertverlustes, setzen Dich aber über einen längeren Zeitraum der Inflation aus. Anleihen, also die Kreditgewährung an einen zahlungsfähigen Schuldner, liegen vom Risikoprofil zwischen Aktien und  Liquidität, sind aber aufgrund der niedrigen oder teilweise negativen Renditen aktuell eher als Investitionsreserve zu betrachten. Wenn Du ein Portfolio zusammenstellst, ist die grundsätzliche Idee, eine den eigenen Bedürfnissen und der Risikotoleranz entsprechende Mischung zu finden.

Dem Bitcoin fehlt es als Portfoliobestandteil zumindest zum derzeitigen Zeitpunkt an Wertstabilität. Hierbei ist nicht der Realwert gemeint, sondern der Nominalwert. Die Transaktionskosten von  Zahlungen, die wir im Alltag mit Papiergeld tätigen, fallen nicht ins Gewicht, da der Nominalwert  stabil ist. Beim Bitcoin sind in der Vergangenheit Schwankungen von mehr als 20% innerhalb weniger Stunden aufgetreten. Sollte die Volatilität nicht deutlich abnehmen, ist ein Gebrauch als  Währung für die breite Masse kaum vorstellbar. Bitcoin kann in diesem Fall noch als Wertspeicher dienen. Als akzeptiertes Zahlungsmittel für Unternehmen ist eine breite Akzeptanz unwahrscheinlicher: Wenn ein:e Händler:in eine Profitmarge von 20% hat und diese innerhalb von Stunden ausgelöscht werden kann, bevor Erlöse realisiert oder in eine alternative Währung eingetauscht werden konnten, ist dies nicht praktikabel.

Ein dezentrales Teilnehmer-zu-Teilnehmer Netzwerk, welches Vermittler in vielen Fällen unnötig werden lässt, bietet den Nutzern allerdings viele Vorteile: Es gibt unzählige Anwendungsmöglichkeiten und viele vermittelnde Personen können in einer oft langen Wertschöpfungskette übersprungen werden. Eine andere Anwendungsmöglichkeit wäre die Nutzung als alternatives Zahlungssystem für Menschen in Entwicklungsländern. Unabhängigkeit von unternehmerischen oder staatlichen Interessen kann helfen, die Grundbedürfnisse vieler Menschen besser zu befriedigen. Dies könnte den Wandel von einer zentralisierten Wirtschaft zu einer Art „Mitglied-zu-Mitglied“-Struktur begünstigen. Außerdem gewährleistet ein dezentrales Netzwerk Neutralität gegenüber seinen Nutzern und kann nicht maßgeblich von einer staatlichen oder Nichtregierungs-Organisation beeinflusst oder missbraucht werden.

Wenn es aber zur Folge hätte, dass die Steuerbarkeit von Transaktionen des Wirtschaftslebens vermieden werden, hätte dies ernsthafte Konsequenzen für die Gesellschaft. Eine Währung muss also im Einklang sein mit den öffentlichen Zwecken; es muss eine Möglichkeit geben, sie zu besteuern. Um es mit den Worten von Benjamin Franklin auszudrücken: „Wenn zwei Sachen auf der Welt sicher sind, dann sind es der Tod und die Steuer.“

Es geht mir in meinem Plädoyer nicht darum, die Sinnhaftigkeit der Blockchain-Technologie oder Peer-to-Peer-Netzwerken in Frage zu stellen, welche die Art und Weise, wie wir miteinander handeln und interagieren, revolutionieren werden. Die Frage ist vielmehr, wie werden sich das aktuelle Papiergeldsystem und eine parallele Krypto-Welt weiterentwickeln? Bitcoin hat sich bereits als eine Art Reservewährung unter den Kryptowährungen etabliert. Aber es bedarf einer Verbindung zur realen Welt: Wenn ein Wohn- oder auch Geschäftshaus „tokenisiert“ wird (das bedeutet die Eigentumsrechte werden digitalisiert und können in sehr kleinen Bruchanteilen erworben und gehandelt werden), muss jemand nach einem Verkauf für die Grundbesitzabgaben aufkommen.  So ein Vorgang findet in der Regel nicht durch einen Austausch von Bargeld statt, sondern geht meist mit einer Kreditschöpfung einher. Dies führt zu einem Problem: Die Anzahl von Bitcoins ist limitiert und damit das Angebot unelastisch. Also selbst, wenn Transaktionen ausschließlich auf der Blockchain stattfinden, würde mindestens eine weitere Kryptowährung benötigt werden, in der eine Kreditschöpfung möglich wäre. Tokens bieten Optionen für intelligente Verträge aller Art in der Zukunft. Als ein Beispiel hierfür können NFTs (Non-Fungible Tokens) genannt werden. Diese ermöglichen es, virtuelle Güter mit einem Eigentumsrecht zu versehen. Dass nahezu alle 8.000 Kryptowährungen und unzählige Tokens, die aktuell existieren, eine Zukunft haben, ist unwahrscheinlich.  Daher empfehle ich, nicht ideologisch einzelne Coins und ihre Verwendung überzubewerten.

Was ist mit dem Argument, eine „einmalige“ Investmentchance zu verpassen? Mit den neuen Medien und Technologien hat sich aus dem seit Menschengedenken bestehenden Phänomen der Begriff FOMO – Fear Of Missing Out – geprägt. Wenn ich vor 4 Monaten oder auch vor 4 Jahren in den Bitcoin investiert hätte und bis heute dabei geblieben wäre, wäre ein deutlicher Buchgewinn möglich gewesen. Welche Kursbewegungen in der Vergangenheit stattgefunden haben, ist jedoch bei dieser Betrachtung vollkommen irrelevant. Und sie hilft auch nicht bei der Einschätzung der zukünftigen Entwicklung. Das bedeutet nicht, dass der Bitcoin, insbesondere aufgrund seiner Angebotsknappheit, kein Potential hat. Das Verhalten von einzelnen Anlegern ist in sehr vielen Fällen vom Gruppenverhalten, also dem kumulierten Verhalten der anderen Anleger, geprägt. So kann es zu einem Herdentrieb kommen– einer Situation in der Anleger:innen dazu neigen, sich gegenseitig zu imitieren. Wenn die Preisniveaus zu hoch steigen und den fairen Wert übersteigen, dann wird es aus meiner Sicht früher oder später zu einer Korrektur dieser Bewertungen und, damit einhergehend, Kursrückgängen kommen. Die Frage, die ich mir stelle: Überzeugen mich die Argumente so stark, dass ich langfristig und nicht zu Spekulationszwecken bereit bin, einen wesentlichen Teil meines Vermögens in den Bitcoin oder alternative Kryptowährungen zu investieren?

Das Grundgerüst meiner persönlichen  Investmentstrategie sind Einkommen produzierende Anlagen, seien es unternehmerische Beteiligungen, die auf Wachstum oder Profitabilität abzielen oder auch laufende Einnahmen, z.B. aus Vermietung oder auch unternehmerischer Tätigkeit. Mir erschließt sich derzeit noch nicht, warum es im Falle eines durchaus populären Investment wie dem Bitcoin so leicht sein sollte, im Schlaf Reichtum zu erlangen. Um die Renditeaussichten des Bitcoin in der Vergangenheit und auch in der Zukunft zu vereinnahmen, wird man meiner Meinung auch den Preis dafür bezahlen müssen: Dieser Preis liegt in der realen Möglichkeit, einen erheblichen Wertverlust in Kauf zu nehmen sowie weiter anhaltenden Schwankungen. Da ich persönlich nicht von einem inneren Wert des Bitcoin überzeugt bin, würde ich mich im Zweifel zum schlechtmöglichsten Zeitpunkt von einem solchen „Investment“ wieder abbringen lassen. Den Bitcoin sehe ich daher für meine persönliche Risikotoleranz derzeit nicht als geeignet an. Das kann bedeuten, eine Chance zu verpassen, damit muss ich mich abfinden. Für mich persönlich ist es wichtiger, meine Investmentziele zu erreichen und das bedeutet  immer einen gewissen Fokus. Sollte es noch einmal zu erheblichen Rückschlägen im Bitcoin kommen, werde ich das Chance-/Risikoverhältnis für mich persönlich neu bewerten. 

Ich habe hier einen Teil der gängigen Argumente und Kritik zusammengefasst und hoffe, Dir hat dieser Ausflug in die Welt der Kryptowährungen gefallen. Zusammen mit meiner Mitarbeiterin Lydia Sendker befasse ich mich seit etwa 12 Monaten intensiv mit dem Thema Blockchain und Kryptowährungen. Für besonders interessierte Leser:innen hat Lydia Sendker ein Whitepaper mit dem Titel „Bitcoin- eine zeitgemäße Investitionsalternative? Kontext, Investitionsumfeld und Chancen von digitalen Anlagen“ erstellt, welches wir laufend aktualisieren und gerne kostenfrei zur Verfügung stellen. Wir freuen uns über Deine  Kontaktaufnahme und/oder Fragen.